Freitag, 26.08.2022

Turtle Hatchery – die Bedeutung der Schildkröte (Teil2)

Wie kann eine Schildkröte nun die Schlüsselfigur einer ganzen Region sein? Hiervon berichtete Chris Brown heute morgen beim Unterricht unter Palmen.

Als Chris Brown vor über 30 Jahren aus Australien als Tourist nach Pemuteran kam, fand er eine Region vor, die von äußerster Armut geprägt war. Die Armut begründete sich in einer starken Übernutzung der natürlichen Ressourcen an diesem Ort. Nachdem die Viehhaltung durch knapper werdende Fütterungsmöglichkeiten den Nahrungsmittelbedarf nicht mehr decken konnte, wurde verstärkt Fischerei betrieben (diese Region ist ja wie schon beschrieben durch größere Trockenheit geprägt, so dass hier kein Reis angebaut werden kann #Wetter und Klima). Aus der Not heraus fischte man zu der Zeit mit Dynamit, was zur Folge hatte, dass das Meer in diesem Gebiet fast vollkommen leergefischt war, da mit der Dynamitfischerei nicht nur alle Fische in einem Bereich getötet werden, also auch der Nachwuchs, sondern auch die Laich- und Aufwachsgebiete – in diesem Fall das vor der Küste gelegene Korallenriff – zerstört wurden. Auf der Suche nach einer weiteren Nahrungsmöglichkeit fingen die Menschen an, die am Strand abgelegten Eier der Schildköten zu sammeln und auf den Märkten zu verkaufen oder diese selbst zu verspeisen. Auch das Fleisch der Schildkröten wurde für den Verzehr genutzt. Genau in dieser Zeit kam Chris nach Pemuteran und erkannte das schwerwiegende Problem. Die Schildkrötenpopulation war nahezu ausgerottet und die Menschen litten an starker Armut. Es war ein Teufelskreis entstanden, der nur schwer zu durchbrechen war. Chris gelang dieses jedoch, indem er den Fischern die Schildkröteneier zu einem höheren Preis abkaufte, als sie auf dem Markt erzielen könnten. Er kümmerte sich darum, dass die Schildkröten schlüpfen konnten und setzt diese dann wieder im Meer aus, um die Population zu stabilisieren. Um diese Arbeit finanzieren zu können, nahm er zunächst seine eigenen finanziellen Mittel, die jedoch bei weitem nicht ausreichen sollten. Er war auf andere Geldgeber angewiesen. Er gründete das Reef-Seen-Resort ­– ein Tauchhotspot an einem bis dato noch nicht bekannten Korallenriff – und begeisterte Taucher aber auch andere Touristen kamen in diese Region. Er bot ihnen an, beim Aussetzen der jungen Tiere eine Art Patenschaft zu übernehmen. Diese Patenschaft kann gegen einen kleinen Obolus übernommen werden. Weiterhin fand er viele Menschen auf der ganzen Welt, die sein Projekt finanziell unterstütz haben, so dass die Schildkrötenaufzucht finanziert werden kann. Welchen Effekt hatte dieses Vorgehen nun?

Chris erkannte schnell die Symptome des Problems, doch die Ursache lag in der großen Armut in dieser Region. Indem er den Fischern die Schildkröten abkaufte, verdienten diese etwas mehr Geld, so dass sie sich andere Lebensmittel leisten konnten. Sie schicken ihre Kinder länger zur Schule, so dass die Kinder einen besseren Beruf als bis zu diesem Zeitpunkt erlangen konnten. Hierfür verließen auch einige die Region, so dass sich die Lebensmittelversorgung weiter entspannte und weniger Menschen auf den Fischfang angewiesen waren. Durch die wieder größere Schildkrötenpopulation konnten sich auch die Korallenriffe erholen, die ja wichtige Rückzugsorte gerade für die Jungfische darstellen. Die Seegraswiesen wurden wieder durch die Schildkröten beweidet, in denen die Fische dann wieder ausreichend Schutz und Plankton finden konnten, auch der Seestern, der mit Vorliebe an den Korallenriffen haftet und die Korallen frisst, wurde zurückgedrängt. Das Ökosystem gelangte allmählich wieder in ein Gleichgewicht, so dass auch wieder mehr Fisch gefangen werden konnte.

Ein weiterer Effekt war ein beginnender sanfter Tourismus, in dem viele zuvor arme Menschen neue Tätigkeiten ausüben konnten, die auch besser bezahlt werden konnten. Die Notwendigkeit, sich vom Fisch zu ernähren sank, da auch andere Lebensmittel erschwinglich wurden. Die Fischer erkannten als erstes die positiven Entwicklungen und unterstützen Chris dabei, die Schildkröteneier auszubrüten, indem sie ihm die Fundstellen nannten, und die Eier vorsichtig geborgen werden konnten. Diese dürfen nämlich nicht – im Gegensatz zu Hühnereiern – verdreht werden. Auch verzichteten die Fischer auf die Dynamitfischerei, da die Netze nun wieder gefüllt waren.

Der Tourismus entwickelte sich weiter und mehr und mehr Touristen kamen, die kein Interesse mehr an den überlaufenen Pauschaltourismuszentren wie Kuta oder Ubut hatten. Es ist aber dennoch gelungen, hier in Pemuteran eine sanfte Form des Tourismus zu etablieren, in dem gerade die Einheimischen Arbeit finden. Durch die Bekämpfung der Armut konnte dann auch allmählich die Infrastruktur verbessert werden, so dass durch den Bau von Schulen, einem verbesserten Wasser und Abwassermanagement und den Straßenbau auch die sozialen Bereiche verbessert werden konnten. Diese generierten ganz nebenbei auch wieder neue Arbeitsplätze.

Der aufmerksame Leser wird erkannt haben, wie weit verzweigt die Kausalitäten und wie komplex die Zusammenhänge sind. Entscheidend ist aber, so sagt es Chris, dass wir unsere Augen, unsere Ohren und unseren Geist öffnen, um die Ursachen der Problemen zu erkennen, denn dann kann auch ein kleines Lebewesen wie eine vor zwei Monaten geschlüpfte Schildkröte Großes bewirken.

Mit all diesen Informationen in unseren Köpfen haben wir dann auch heute mit großer Freude die jungen Schildkröten ins Meer gebracht und somit einen kleinen Anteil am großen Erfolg dieser Region leisten dürfen – dafür sind wir sehr dankbar.

Heute waren wir zudem sehr viel im Wasser, denn wir durften alle die ökologischen Zusammenhänge hautnah beim Erschnorcheln des Riffes betrachten. Dank Cheyennes GoPro sind dabei auch atemberaubende Bilder entstanden – vielen Dank!

Eine weitere Besonderheit stellt auch das von Chris begonnene Reef-Gardening dar. Hierbei wurden Metallkonstruktionen im Meer versenkt, an denen neue Korallen angeheftet werden können. Um das Wachstum der Korallen ein wenig zu beschleunigen, wird an die Metallkonstruktionen eine geringe Spannung, erzeugt von Solar- und Windkraft, angelegt. Klingt komisch, ist aber so. Und dass es ganz fantastisch funktioniert, kann ich nur bestätigen, denn im Vergleich zum letzten Austausch vor über drei Jahren ist ein deutliches Wachstum zu beobachten.

Am späten Nachmittag fuhr die gesamte Austauschgruppe in einen nahegelegenen Nationalpark, um auch dort ein Korallenriff beim einsetzenden Sonnenuntergang schnorchelnd zu erkunden – einfach großartig.

Dieses Riff liegt im Bereich der Mangrovenwälder, die durch den Nationalpark geschützt sind. Die Mangroven leisten nämlich neben ihrer wichtigen ökologischen Funktion als Schutzraum für unzählige Tierarten auch einen wichtigen Beitrag zum Küstenschutz, indem sie die Energie der Wellen aufzunehmen im Stande sind – ganz ähnlich also unserem Wattenmeer. Hiervon berichteten Riyu und Ardine nach dem Abendessen, die heute das Expertenteam des Tages waren. Das haben die beiden ganz toll gemacht!

Morgen geht es zurück über die Vulkangebirge nach Canggu bzw. Untal-Untal, wo unsere Schülerinnen und Schüler die erste Nacht in den Familien verbringen werden. Wir erinnern uns, dort ist es dann wieder tropisch feucht.      

Der Tag war angefüllt von unvergesslichen Momenten und es ist nun sehr spät. Dennoch freue ich mich, auch morgen wieder von unseren Erlebnissen zu berichten – bis dann!