Mittwoch, 31.08.2022

Gipfelstürmer!?

Der Wecker klingelt mitten in der Nacht, es ist 2.00 Uhr und jeder normale Mensch würde sich noch einmal genüsslich umdrehen und die Augen schließen. Doch nicht wir, wir nicht heute. Jeder von uns ist gespannt auf das, was uns heute bevorsteht. Wir werden den Vulkan Batur besteigen und pünktlich zum Sonnenaufgang am Gipfel sein, wenn wir es schaffen. Schnell noch eine Banane „zum Frühstück“ und los geht es. Leider sind wir heute nicht komplett, da Frau Groß bei Philip bleibt, da es ihm nicht ganz so gut geht. Vor uns liegt noch eine halbstündige Autofahrt und in dieser Region fühlt es sich wirklich so an wie in der Achterbahn. Die Türen unserer Busse offen sich und wir werden mitten in der Dunkelheit ausgespuckt, müde, aufgeregt, orientierungslos. Männer mit Taschenlampen kommen auf uns zu und nehmen uns in Empfang, es sind unsere Guides und sie führen uns zu einem kleinen Gehöft, wo wir mit Wanderstöcken und Taschenlampen ausgestattet werden.

Die Tour beginnt, nachdem wir in Vierergruppen aufgeteilt wurden. Zunächst verläuft der Weg sanft ansteigend durch Felder, auf denen Zwiebeln angebaut werden – der Gemüseanbau ist hier durch das nährstoffreiche Lavagestein möglich. Dann steigt das Gelände an und weit entfernt in großer Höhe können wir bereits Lichter ausmachen. Sie strahlen vom Gipfel her, denn wie sich später herausstellen soll, sind wir heute Nacht nicht die einzigen Schlaflosen, die sich auf den Weg zum Gipfel aufgemacht haben, an dessen Spitze kleine Wellblechhütten stehen, in denen sich Einheimische auf den Touristenansturm mit heißen Getränken, Brot, Snacks und anderen Dingen vorbereiten. Der Anstieg gewinnt sehr schnell an Steilheit und mehr und mehr Menschen gesellen sich zu uns auf den Weg. Eine erste Pause wird nach etwa einer halben Stunde eingelegt, von denen noch viele folgen sollen. Noch fühlen sich alle hoch motiviert und man spricht ausgelassen miteinander – auch das soll sich in den nächsten eineinhalb Stunden ändern, denn für die 3,5 Kilometer und 700 Höhenmetern wird uns für den Moment alles an Reserven abverlangt, was wir aufbieten können. Die Steilheit nimmt nochmals zu und der Untergrund wechselt zu losem Bimsstein. Ein Schritt vor, einen halben zurück, wir bewegen uns vorwärts wie Raupen im losen Sand. Dann wieder Geröll und Felsen und im Schein der Taschenlampen erahnen wir, wohin wir unsere nächsten Schritte setzen müssen. Die Abstände zwischen den Pausen werden kürzer, die Pausen länger. Doch irgendwann sind die von unten noch so weit entfernten Lichter ganz nahe und am Horizont zeigt sich ein ganz leichter, orangener Schimmer. Wir sind endlich am Gipfel und finden einen herrlichen Platz, um dem, was jetzt geschieht, folgen zu können – der Sonnenaufgang. Unzählige Bilder entstehen, die nur einen Bruchteil von der Schönheit des Morgens wiedergeben können.

Langsam zeichnen sich erste Umrisse der umliegenden Kaldera ab, einzelne Dorfer und der Kalderasee kommen zum Vorschein. Die Sterne am Himmel der Südhalbkugel verlieren so langsam ihren Glanz und entschwinden in der zunehmenden Dämmerung des anbrechenden Tages. „Dunkel kann es nicht mehr halten, hinter Wolken dämmert Morgen“, diese Textzeile eines alten Fahrtenliedes spiegelt genau das wider, was wir gerade zu sehen bekommen. Die Welt erwacht und wir sind live dabei, ganz oben, über den Wolken. Ein wirklich überwältigender Moment für alle – Gänsehaut und dem ein oder anderen könnte sogar ein Tränchen der Ergriffenheit über die Wangen gerollt sein. Die Dunkelheit weicht weiter und in der sich ausbreitenden Klarheit des anbrechenden Tages erblicken wir im Südosten den mächtigen Agung, der unseren Standpunkt noch überragt. Heißer Tee, Obst und Toast wird uns gereicht, diese Stärkung haben wir uns wirklich verdient.

Nach unzähligen Gruppenfotos, Selfies und einfach noch genussvollen Momenten treten wir den Abstieg an, der zwar weniger anstrengend, doch trotz der Helligkeit keineswegs weniger anspruchsvoll sein soll. Wasserdampf tritt aus immernoch heißen Bereichen des Berges hervor.

Rutschend oder vorsichtig zum nächsten Felsen springend steigen wir hinab und an einer Stelle wird es mir dann klar. Wenn Casper David Friedrich die Möglichkeit gehabt hätte, er hätte seinen „Wanderer“ genau hier gemalt – der kleine Mensch vor der gewaltigen Natur als Zeuge der Szenerie.

Quelle des Gemäldes: 

https://www.geo.de/magazine/geo-epoche-edition/20083-rtkl-deutsche-romantik-caspar-david-friedrich-die-landschaft-der

Zügig verlieren wir an Höhe und wir können unterschiedliche Arten von Lavagestein identifizieren. Sehr dichte Felsbrocken und äußerst poröse Bimssteine, die je nach Zustand, Ausgangsmaterial und Gasgehalt mal rot und mal schwarz gefärbt sind. Es wird sehr lange dauern, bis hieraus fruchtbarer Boden wird (die auf den gestrigen Bildern zu sehenden schwarzen Felder unterhalb des Batur stammen von einem Ausbruch in der 1960ern und ganz vereinzelt wachsen nun Kiefern auf diesen als hochwachsende Pioniere.

Bei den Autos angekommen sind wir alle in freudiger Erwartung auf das zweite Frühstück bei unserem Glampingplatz, welches mittlerweile auch als Basislager bezeichnet werden könnte. Alle sind glücklich über den Erfolg des Aufstiegs und die gesehene Schönheit des Morgens. Nach dem Frühstück kehrt Ruhe ein. Alle holen ein wenig Schlaf nach und ruhen sich aus.

Auch der Rest des Tages dient hierzu und so fahren wir nach dem Mittag zu einer heißen Quelle und legen unsere geschundenen Knochen in das körperwarme Wasser. Das hilft und die morgendlichen Strapazen sind bald vergessen. Haben die Römer wirklich das Caldarium erfunden?

Der Abend endet beim Barbecue und einer Reflexionsrunde zu den in den letzten beiden Tagen gemachten Erfahrungen.

Alle gehen heute früh ins Bett, nur ein einzelner Blogschreiber sitzt noch am Lagerfeuer (hier ist es abends recht frisch), tippt diese letzten Zeilen und freut sich darüber, dass bereits üner 500 Besucher diesen Blog gelesen haben, vielen Dank an alle fleißigen Leser – schaffen wir auch die Tausendermarke?

Morgen verlassen wir diesen besonderen Ort und fahren zurück in die Familien. Am Freitag steht dann der Besuch der Harapanstiftung in Denpasar und einiges mehr auf dem Programm.

Allen eine geruhsame Nacht!